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Escrow-Verträge:
Sourcecode im Safe
Von CW-Redakteur Alexander Freimark. MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Ist der Softwarelieferant pleite, stehen die Anwender häufig vor massiven Problemen. Abhilfe können Escrow-Verträge schaffen, entsprechend denen der Sourcecode für Notfälle hinterlegt wird. Dank des schlechten Wirtschaftsklimas hoffen die einschlägigen Dienstleister auf gute Geschäfte. Von
den gegenwärtigen Bedenken der Anwender weiß Stephan Schambach,
Chef von Intershop,
ein Lied zu singen: Fünf Minuten diskutiere der Vertrieb mit
potenziellen Kunden über die Funktionen der Software, eine halbe
Stunde hingegen drehe sich das Gespräch um die wirtschaftliche
Stabilität des Herstellers, äußerte der Firmengründer jüngst
auf einer Analystenkonferenz. Angesichts der Pleiten in der
krisengeschüttelten IT-Branche ist es nicht verwunderlich, dass
sich die Prioritäten verschoben haben und wieder einmal das
Sicherheitsbedürfnis der Anwender in den Vordergrund gerückt
ist.
Ab 80.000 Euro Lizenzgebühren lohne es sich, über die Hinterlegung des Quellcodes bei einer Agentur nachzudenken, sagt Deposix-Geschäftsführer Peters. Wenn die Software dann noch kritische Prozesse des Unternehmens steuert und mehr als 50 Nutzer auf das Tool zugreifen, sollte spätestens die Entscheidung für ein Escrow-Abkommen gefallen sein. Die Preise selbst halten sich in Grenzen und sind auf einschlägigen Websites nachzulesen: Die Jahresgebühr beginnt bei einigen hundert Euro, für Sonderwünsche im Vertrag werden je nach Agentur Extrakosten berechnet. Der Markt für derartige Dienste war schon immer vorhanden, sagt Volker Siegel von NCC Escrow International. Auch der Rechtsanwalt der Münchner Agentur hat eine steigende Nachfrage in Deutschland bemerkt, will dies jedoch nicht allein auf die Pleitewelle schieben. Generell nehme das Sicherheitsbedürfnis auf Seiten der Anwender zu. Angeheizt wird der Trend durch den Umstand, dass inzwischen auch viele Softwarelieferanten das Thema für sich entdeckt haben: „Wir spüren einen zunehmenden Bedarf von beiden Seiten“, berichtet Siegel. Neue Verkaufsargumente In der Tat sind nicht nur die Anwender vermehrt auf den Escrow-Zug aufgesprungen, auch die Softwarehersteller haben die „Sicherheit“ des Quellcodes als Verkaufsargument entdeckt. So ließ die Münchner Ixos AG ihre „Econ-Solution-Suite“ von einer Agentur komplett auf der höchsten Escrow-Stufe zertifizieren, wofür der Dienstleister sogar ins Haus kam, um alles zu inspizieren: „Früher war Escrow höchstens nice to have, inzwischen ist es für einige Kunden ein ausschlaggebendes Kriterium geworden“, sagt Ioannis Blume, Produkt-Manager von Ixos. Für Hersteller hat Escrow zudem einen positiven Nebeneffekt: Programmierer schützen sich damit auch gegen die häufig vorgetragene Forderung einflussreicher Abnehmer, bei Abschluss eines Lizenzvertrags den Quellcode gleich zusammen mit dem Objektcode zu übergeben - ein Ansinnen, das nicht nur von Blume entschieden abgelehnt wird. Auch Reinhold Wegmann, Geschäftsführer des Münchner Softwareanbieters CPG, würde niemals „ohne Druck“ den Sourcecode aus dem Haus geben; daher hat sich die Company ebenfalls für die Hinterlegung entschieden. Der Schritt sei als „vertrauensbildende Maßnahme“ zu verstehen. Der Spezialist für Bankensoftware war im letzten Jahr verkauft worden, was „Nervosität“ bei einigen Kunden hervorgerufen hat. Nun soll auch mittels Escrow die alte Vertrauensbasis wiederhergestellt werden: „Ich halte das für eine Selbstverständlichkeit“, argumentiert Wegmann, der für eine Partnerschaft zwischen Lieferanten und Abnehmer plädiert, „damit die Kunden nicht im Regen stehen bleiben.“ Der reine Quellcode reicht nicht Allerdings ist es mit der Übergabe des reinen Quellcodes im Fall der Insolvenz des Lieferanten nicht getan. Neben dem passenden Compiler und der Dokumentation kann es im Idealfall nicht schaden, auch noch einige Entwickler vom Softwarehaus abzuwerben, denn: „Es dauert Monate, bis sich jemand in den Sourcecode eingearbeitet hat“, berichtet CPG-Chef Wegmann. Albert Hemmerle kennt die Escrow-Materie von beiden Seiten, als Anbieter und als Anwender. Schließlich müssten auch seine Kunden als Wiederverkäufer ihre Wartungsverpflichtungen erfüllen, schildert der Contract-Manager des Münchner IT-Unternehmens Softlab. Hemmerle schätzt das Niveau des deutschen Escrow-Marktes gegenwärtig als „niedrig“ ein, verlangt derartige Klauseln aber auch von seinen Lieferanten. Die IT-Tochter von BMW nutzt Escrow seit mehr als fünf Jahren - als „letzter Rettungsanker“, um sich im Fall eines Bankrotts selbst helfen zu können. Es gibt Fälle, so Hemmerle, in denen man nicht mehr ohne Escrow auskommt, weil das Risiko letztlich zu groß sei. Die Unwissenheit vieler Anwender ist für Norbert Ritz von Escrow Europe, Düsseldorf, einer der Hauptgründe, wieso sich der Service hierzulande nur schleppend entwickelt hat: „Das Produkt ist ähnlich erklärungsbedürftig wie ein schwieriger Versicherungsvertrag.“ Angesichts der Sparwelle fragen sich seiner Meinung nach überdies viele Kunden, ob sie den Dienst überhaupt benötigen oder lieber das Risiko tragen wollen. Wer jedoch ein gültiges Abkommen getroffen hat, kann sich zumeist glücklich schätzen. Nach der Pleite des Softwareanbieters Brokat „standen die Anwender sofort auf der Matte“, erinnert sich Ritz. Allerdings gibt es auch Situationen, in denen Escrow nicht greift. Im vergangenen Jahr ging das britische Softwarehaus QSP Pleite, das für seine Programme ein Escrow-Abkommen offerierte. Rund ein Viertel der Kunden hatten englischen Presseberichten zufolge jedoch schlicht vergessen, einen entsprechenden Vertrag aufzusetzen. Sie waren davon ausgegangen, dass die Klausel im Lizenzvertrag bereits ausreicht, um den Sourcecode zu erhalten. |
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